2014/02/10 Ö1 Kulturjournal/orf.at (German)

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Diesmal beschäftigt sich Hubert Sauper mit der Tragödie des afrikanischen Kontinents, der nach den alten Kolonialherren Frankreich und Großbritannien jetzt von neuen Mächten ausgebeutet wird: von den USA und China.


Ein kleiner Bub läuft nackt und ein bisschen schüchtern einen staubigen Weg entlang. Mitten in Afrika. In der Hand hält er eine Wasserflasche aus Plastik. Später wird der Zuschauer erfahren, dass dort, wo nach Öl gebohrt wird, Menschen und Tiere sterben, weil das Wasser verseucht ist.

Hubert Sauper hat in Afrika und dort vor allem im Sudan einen Film über Imperialismus im 21. Jahrhundert gedreht – es geht um knapper werdende Rohstoffe. “Es gibt so etwas wie einen subkutanen Krieg auf der Welt, wo alle Weltmächte im Rennen stehen, und das ist das Rennen um Ressourcen”, sagt Hubert Sauper.

Im Ausnahmezustand

In den letzten Wochen seiner Dreharbeiten hat der christliche Südsudan für seine Abspaltung vom muslimischen Norden gestimmt. Die neue Grenze steckt auch die Machtsphären der Großmächte ab. Im Norden bohren die Chinesen nach Öl. Der Süden wird von den Amerikanern beherrscht. Dort begegnet Hubert Sauper Missionaren, die weinenden Kindern Socken und Plastiksandalen an die nackten Füße stecken – im festen Glauben, Gutes zu tun. Oder dem amerikanischen Botschafter, der ein kleines Elektrizitätswerk eröffnet, während die Kinder der Einheimischen ein Lied auf die Großmacht anstimmen: mit den Worten “Amerika, wir gehören dir, superpower”.

Hubert Sauper zeigt außergewöhnliche Bilder und außergewöhnliche Situationen, weil er sich selbst während der Dreharbeiten fast immer in einem Ausnahmezustand befunden habe, wie er sagt. Für das Projekt hat er ein kleines ultraleichtes Flugzeug gebaut und ist damit zuerst von Paris nach Afrika und dort dann kreuz und quer über den Kontinent geflogen. Wenn man das Gerät sieht, kann man kaum glauben, dass sich zwei erwachsene Menschen damit in der Luft fortbewegen können. Es sei so etwas wie ein Trojanisches Pferd gewesen, “weil mit dem kleinen Ding sind wir plötzlich in chinesischen Ölfeldern gelandet.” Aus diesem “Schockmoment” sei ein sehr interessantes Verhältnis zu den Leuten entstanden.

Aus dem “intellektuellen Komfort” holen

Sehr oft waren Hubert Sauper und sein Begleiter aber auch in Lebensgefahr. Die beiden haben Mitglieder der verschiedensten Stämme besucht, mit amerikanischen Missionaren gesprochen, mit sudanesischen Bauern, Soldaten und Politikern. Das chinesische Ölfeld, bei dem sie mit ihrem Flugzeug gelandet sind, wirkt wie eine kleine Raumstation. Die Männer, die dort beschäftigt sind, trauen sich kaum vor die Tür. Sie schauen sich “Raumschiff Enterprise” auf Video an und philosophieren über die Stärke ihrer Nation. Auch das ist so ein außergewöhnlicher Hubert-Sauper-Moment.

“Wichtig ist, dass wir aus dem intellektuellen Komfort rausgeholt werden”, meint Sauper. sDer Dokumentarfilmer zeigt Verzweiflung und Zerstörung – ohne Distanz. Und weil er sich selbst so spürbar aus der Komfortzone herausholt, schafft er das auch mit den Zuschauern – zumindest für die Dauer seines Films.


Kulturjournal, 10.02.2014
Birgit Schwarz

 

 

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