2014/11/29 nachrichten.at (German)

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Wenn der Kitzbühler Hubert Sauper einen Film über Afrika dreht, erzählt er nicht von einer trockenen Steppenidylle, exotischen Tieren oder hungernden Kindern, die in den Armen von Entwicklungshelfern kuscheln. Der 48-jährige Dokumentarfilmer erinnert den Menschen – ohne jede Lust auf Beschönigung oder Relativierung – an seine Grenzen und Grenzwertigkeiten.

Vor zehn Jahren tat er dies mit dem oscarnominierten Werk “Darwin’s Nightmare”, seit Freitag läuft Saupers Film über den Südsudan – “We Come As Friends” – in Österreichs Kinos.

Warum es dafür eine Dekade brauchte, hängt damit zusammen, wie “der Hubert” – so sein Rufname in der Branche – als Mensch ist. Der Tiroler unterscheidet nicht zwischen privat und beruflich. Er ist immer gleich politisch, radikal, tanzt am schmalen Grat zwischen Mut und produktivem Wahnsinn.


Todesdrohungen, Repression

“Darwin’s Nightmare” beleuchtete anhand des Exports von Viktoriabarsch die Verelendung von Tansanias Bevölkerung. Und weil sich Sauper weit aus dem Fenster lehnte, wollten viele, dass der Kritiker abstürzt. “Waffenschieber und Interessengruppen in Afrika haben eine Gegenkampagne gestartet. Mit der habe ich umgehen müssen.” Es gab Todesdrohungen, Gerichtsverhandlungen, Repressionen und Verleumdungskampagnen. “Eine harte Nuss.”

Nachdem er diese geknackt hatte, bündelte er seine Energie für “We Come As Friends”. Dieses Werk ist eine Collage von Erfahrungen, Eindrücken und Episoden aus dem Südsudan im Jahr 2011, als 98,8 Prozent der dortigen Bevölkerung für eine Abspaltung vom Nordteil des Sudans stimmten. Was der Zuseher durch die Kamera sieht, ist kein geordnetes Land, sondern ein flirrendes Chaos.

Westliche Organisationsversuche und Heilsversprechen stehen kulturell-religiösen, von Bruderkriegen geprägten Aggressionen gegenüber. Der US-Botschafter verspricht, Licht zu bringen, meint aber Strom. Dorffrauen schmeißen sich schreiend auf ein Grab.

Der sichere Glaube daran, dass die Zivilisation ordnen kann, erscheint naiv. Ganz im Sinne Saupers, der Lösungsvorschläge im Film “unproduktiv” findet, tauchen Fragen auf: Sollen diese wirren Zustände das Erbe der Kolonialisierung gewesen sein? Werden die Menschen gescheiter? Und vor allem: Worauf läuft das alles hinaus?

Sauper hat seine Antworten gefunden. “Man hat immer das Gefühl, die Geschichte verändert sich nicht essenziell.” Warum Länder, Völker, Imperien andere regulieren oder sich einverleiben wollen, sieht er im Wesen westlicher Kulturen begründet. “Ein Teil davon ist, nach außen zu drängen, zu erkunden, zu begegnen. Das istauch der erste Schritt zur Dominanz.”

Dies sei nun aber gar nicht das primäre Problem, weil es “eine alte Geschichte” sei. Gefährlicher erscheine eine neuere Errungenschaft, die Globalisierung. “Wenn wir jetzt einen Fehler machen, sind wir alle dran – kollektiv”. Der vielfach prämierte Regisseur glaubt, dass der Menschheit die größten Krisen – Kriege, Epidemien, Naturkatastrophen – noch bevorstehen.

Doch im Stile aller großen Kritiker ist er ein Freund der Menschen: “Darin liegt die Chance, dass wir endlich draufkommen werden, dass wir zusammenhalten müssen, um Lösungen zu finden.”

 

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