2014/11/30 diepresse.com (German)

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Die Presse: Ihre Dokumentarfilme spielen für gewöhnlich in der Ferne, im Fall von „We come as friends“ im Sudan. Aber wo kommen Sie eigentlich her? Wie sind Sie aufgewachsen?

Hubert Sauper: In einem ganz kleinen Dorf in Kärnten. Vermutlich einer der wenigen Orte, an denen der Zweite Weltkrieg noch nicht ganz vorbei war, als ich ein Kind war. Die alten Nazis waren dort noch ganz offiziell unterwegs. Meine Eltern haben ein kleines Hotel geführt: In dieser „The Sound of Music“-Idylle waren dann plötzlich aus Vietnam zurückgekehrte US-Bomberpiloten zu Gast. Ein General hat sie zu uns geschickt, um auszuchillen nach all den Agent-Orange- und Napalm-Partys. Die waren bei uns immer noch voll auf LSD, haben versucht, aus dem Fenster zu springen oder eine Krankenschwester zu vergewaltigen. In diesem Klima bin ich aufgewachsen: zwischen Nazis und Bomberpiloten.

 

Hat das auch Ihren Zugang zum Filmemachen geprägt?

Kann schon sein, dass es von diesen komischen, einander überlappenden Realitäten meiner Kindheit herrührt. Es ist eh immer so. Aktuell sitzen wir im Hilton…

 

Und das hat mit Ihrem Leben vermutlich genauso wenig zu tun wie mit meinem.

Es gibt Momente, in denen ganz extreme Kontraste aufeinanderknallen. In Afrika ist dieser Clash of Cultures ganz transparent. Bei „We come as friends“ war die Idee die, dass die Spuren des Kolonialismus im Denken und in der Seele zu finden sind. Der Film ist eigentlich eine Psychoanalyse des „colonial mindset“. Spuren finden sich aber auch in der Geografie, und man sieht sie am besten von oben. Zu diesem Dorf, das an Bienenwaben erinnert, führt keine Straße hin, dort gibt es keine einzige gerade Linie, keinen Zaun. Das Koloniale ist immer gerade. Das Erste, was die Missionare im Südsudan gemacht haben, war ein Haus aus Stein zu bauen und Bäume in einer Reihe anzupflanzen. Wenn man im Flugzeug sitzt und von oben zehn Bäume sieht, die in einer Reihe stehen, dann weiß man: Dort liegt eine Kolonialstation.

 

Wie lang haben Sie denn vor Ort im Sudan gedreht?

Zwei Jahre ungefähr. Nicht in einem Stück, sondern aufgeteilt auf drei Reisen. Den Flieger habe ich dort gelassen, meist auf einem Ölfeld. Wenn in Europa Sommer war, sind wir zurückgeflogen, um mental und physisch wieder auf die Beine zu kommen.

 

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, mit einem selbst konstruierten Flugzeug durch Afrika zu reisen?

Zum einen ist der Flieger symbolisch wichtig. Die Maschine symbolisiert die Überlegenheit der Industrieländer. Sie ist weiß und phallisch und blickt runter auf den schwarzen Kontinent. Und dann ist der Flieger natürlich auch Transportmittel durch eine Gegend, in der es keine Straßen gibt.

 

Wie haben Sie den Leuten in den Dörfern erklärt, was genau Sie machen?

Wir haben immer gesagt „We come as friends“. Das ist der Slogan und die größte Lüge der Welt. Kolonialisten sind nie Freunde. Wir mussten ihnen einfach erklären, dass wir keine Bomben abwerfen, aber auch, dass wir nicht fünf Tonnen „biscuits“ mitbringen. Wir haben teilweise auch etwas gemacht, was nicht im Film vorkommt: Wir haben mit einem Projektor Filmmaterial von unserem eigenen Flug vorgeführt. Die Kinder haben sich sehr gefreut. Und wir haben das gefilmt, also wie wir als „white heroes“ im Kriegsgebiet super nett sind. Dieses typische NGO-Gehabe von den Rettern und Erlösern. Im Film geblieben sind nur die unklaren Situationen.

 

Wird man deprimiert, wenn man erkennt, dass sich die Ausbeutungsformen in Ländern wie dem Sudan nur verändert, aber nicht abgenommen haben?

Mark Twain hat gesagt: „History doesn’t repeat itself. But it does rhyme“. Ein unglaublich zutreffendes Zitat, finde ich. Diese wahnsinnigen Geschichten von Henry Morton Stanley, der im Auftrag von König Leopold II. von Belgien im Kongo die ganzen Dorfhäuptlinge zusammengetrieben und sie hat unterschreiben lassen, dass sie ihr Land verkaufen, zum Beispiel. Ich bin auf eine Studie einer US-Forscherin gekommen, in der das Land Grabbing beschrieben wird. Sie hat einen Fall von einem Dorfhäuptling aus dem Südsudan beschrieben, der genötigt wurde, sein Land zu verkaufen. Den habe ich gesucht und gefunden. Der Typ, der das initiiert hat, Howard Douglas, war enger Vertrauter von Ronald Reagan. Damals hat er im Auftrag des US-Präsidenten als internationaler Flüchtlingsbotschafter die ganze Welt bereist und hat diese Land-Deals vorbereitet.

 

Ist es während der Dreharbeiten zu gefährlichen Situationen gekommen?

Immer dann, wenn man uns mit Arabern verwechselt hat. Die haben Flugzeuge, eine hellere Haut und haben jahrzehntelang Bomben abgeworfen. Vollkommen nichtsahnend habe ich mir zuvor noch von einer ägyptischen Künstlerin ein Gedicht auf einen Flügel schreiben lassen, auf Arabisch. Sinngemäß steht da: So lange die Wasser des Nils fließen, werden die Völker des Nils vereint sein. Die gebildeten Leute im Sudan können natürlich Arabisch lesen und haben dann schnell gemeint, dass das meine letzte Reise gewesen sei. Das alles wegen eines Gedichts. Wir mussten auch dauernd mit Warlords reden, damit sie uns überhaupt landen und durchfliegen lassen. Wir haben Pilotenuniformen angezogen, und Fotos mit denen gemacht, um sie dann später als Beweis unserer „Freundschaft“ herzeigen zu können.

 

Gab es da Momente, in denen Sie sich gedacht haben: Wie wahnsinnig bin ich eigentlich? Schnell zurück nach Europa!

Das ist ja alles nicht nur gefährlich, sondern auch sehr inspirierend. Man ist in einem Rauschzustand. Allein der Flieger war eine Art von LSD für uns.

 

Sie hatten nie Angst, damit abzustürzen?

Im Film sieht es teilweise so aus, als würde das Flugzeug jeden Moment in tausend Teile zerfallen. Es fliegt irre langsam, wie eine fliegende Schubkarre. Dadurch ist es aber auch recht sicher. Mit Motorschaden kann man ohne Weiteres noch weitersegeln und in irgendeinem Busch landen. Ein paar Mal hat es uns das Vorderrad dabei abgerissen. Aber das ist eher so, als würde man mit einem Moped in einen Graben fallen.

 

ZUR PERSON

Hubert Sauper, geboren 1966 in Kitzbühel, aufgewachsen in Großkirchheim (Kärnten), studierte Film in Wien und Paris. Er lebt seit 1994 in Frankreich und produziert vorwiegend Dokumentarfilme. Sein Film „Darwin’s Nightmare“ über die ökologische Katastrophe am Victoriasee wurde 2006 für einen Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert. [ APA]

 

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