2014/11/24 Wiener Zeitung (German)

Wiener Zeitung 04

Wiener Zeitung 05

 

Mit “Darwin’s Nightmare” hatte der österreichische Regisseur Hubert Sauper 2004 die fatalen Effekte von Kolonialisierung am Beispiel von Fischern in Tansania gezeigt. Mit “We Come As Friends” (ab Freitag im Kino) begutachtet er die Folgen der Unabhängigkeitserklärung des Süd-Sudan im Jahr 2011. Die “Wiener Zeitung” traf ihn zum Interview.

 

“Wiener Zeitung”: Ganz am Anfang dieses Films steht das Flugzeug. Der Zweisitzer, den Sie speziell dafür konstruiert haben und mit dem Sie von Frankreich aus nach Afrika aufbrechen. Warum denn in diesem Flugzeug? Welche Bedeutung hat es für Sie?

Hubert Sauper: Kolonialisierung ist ein Thema, das mich umtreibt – und im Gegenstand des Flugzeugs sind viele Aspekte der Kolonialisierung symbolisch vereint. Zum einen ist es Transportmittel, aber es ist auch ein Symbol für technische Überlegenheit. Es hat eine phallische Form und es ist weiß. Als solches also kommt es – von oben noch dazu – auf den “schwarzen Kontinent” hinunter. Oft kommt ein Flugzeug bei Bombardierungen zum Einsatz, es trägt aber auch christlichen, stark missionarischen Symbolismus: Gute und rettende Menschen kommen aus Europa, Amerika bringt Hilfsgüter, Impfstoffe und Lebensmittel und die Afrikaner müssen “natürlich” dankbar sein.


“We Come As Friends” ist kein Film über Afrika, sondern nimmt Afrika als “Trigger, um über die ganze Welt zu sprechen”.


Ein Flugzeug kann aber auch für Freiheit stehen.

Das auch, und außerdem für Träume, für eine Idee des High-Seins. Dieses kleine Flugzeug war auch so etwas wie unsere Droge, es hat die Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung immens erleichtert. Ich meine, wenn man in so einer fliegenden Blechdose auf einem libyschen Militärstützpunkt landet, ist von Überlegen-Sein keine Rede mehr, da lacht dich jeder aus, und das ist aber das Gute daran. Das Interessante und Erschreckende war, dass wir bald gemerkt haben, es hilft, wenn wir Uniformen anhaben. Es ist ganz egal, ob du wirklich ein Offizier oder sonst jemand bist, dem eine Uniform zusteht. Sobald du eine anhast, respektiert man dich eher.

Ist der Sudan als Land für die Darstellung Ihrer These vom modernen Kolonialismus besonders geeignet?

Der Sudan ist ein spezielles Land. Es hat eine lange, schmerzhafte Kolonialgeschichte, war gewissermaßen immer der “Hinterhof” von Imperien, schon seit den Ägyptern, die sich im Sudan Sklaven und Rohstoffe holten. Dann kamen die Griechen, die Römer, die Araber, die Ottomanen und so weiter. Der längste Krieg des afrikanischen Kontinents fand im Sudan statt, als Konsequenz der britischen Kolonisierung. Und die Teilung des Sudan im Jahr 2011 in zwei kleine Staaten war wie ein “Fenster in die Geschichte”. Denn das Fatalste, das diesem Kontinent passiert ist, war die koloniale Zerteilung in 50 Stücke, sogenannte Nationen. Die von den Europäern geschriebenen Grenzen sind Linien der Vernichtung, die von Millionen von Toten gesäumt wurden. Die neue Grenze durch die zwei sudanesischen Staaten zieht sich wie ein makaberer Witz genau durch die Ölfelder am oberen Nil, die man in “We Come As Friends” sieht, und ich musste kein Prophet sein, um den nächsten Krieg vorauszusehen.

Ihr Film “Darwin’s Nightmare” hatte ungeahnte Konsequenzen. Sind Sie an die verwandten Themen wie Ausbeutung, Abhängigkeit, Unterdrückung nun anders herangegangen, auch, weil “Darwin” ein juristisches Nachspiel hatte?

Ich glaube, dass auch dieser Film wieder Wellen schlagen wird, sobald ihn genügend Leute – oder die “richtigen” Leute – gesehen haben. Die Afrikaner haben geschichtliche Phasen der Demütigung ertragen, die sich ähneln, und überschneiden: Sklaverei, Kolonialismus und Globalisierung. “Darwin’s Nightmare” beschrieb die letzte, gegenwärtige Phase. Dieser einfach hergestellte Film war “zu erfolgreich”, und als er zum Oscar als beste Doku nominiert worden war, hatte ich Leute aus der Waffenlobby und afrikanische Staatschefs am Hals, die um das “gute Image” besorgt waren. Freunde von mir, die im Film vorkamen, wurden verfolgt, sogar eingesperrt. Ab dann habe ich der Hasskampagne mit all meiner Kraft und eben auch juristisch entgegnet. Es ist eine lange, schmerzhafte Geschichte, aber eine unglaublich interessante Erfahrung. Alle Gerichtsverfahren habe ich gewonnen. Es war ein persönlicher, nötiger Sieg für mich, der mich für “We Come As Friends” regelrecht beflügelte.

In diesem Film ist Ihre Vorgehensweise episodenhafter als in “Darwin’s Nightmare”, und sie hängt weniger stark an bestimmten Personen. Hat das damit zu tun, dass es dieses Mal gefährlicher war, mit den Leuten zu sprechen?

Dramaturgisch ist der Film wie ein Science-Fiction-Film aufgebaut, nämlich als eine Reise durch Zeit und Raum. Wenn man sich durch Zeit und Raum bewegt, hat man nur wenig Zeit, sich nur bei einem Planeten oder einem Alien aufzuhalten. Das macht den Film härter. Wenn man Menschen in einem Film wieder begegnet, dann hat man ein heimeliges Gefühl. Das erzeugt für den Zuschauer einen gewissen Komfort. Wenn man Leute, an die man sich gerade ein bisschen bindet, nie mehr sieht, dann ist man auch als Zuschauer immer wieder in einem Ausnahmezustand und dieses Gefühl wollte ich herstellen. Ich will auf keinen Fall, dass sich der Zuschauer wohlfühlt.

Aber inwieweit ist eine episodenhafte, fragmentarische Betrachtung der Welt nötig, um ein umfassendes Bild zu erhalten?

Was ich versuche, ist eine extreme, tief in unser Denken dringende Form zu finden. Meine Filme sind minutiös und sehr genau gestaltet, ich arbeite entsprechend viele Jahre an jedem Film. Die Filmkunst kann im idealen Fall die Brücke zwischen Wissen und Begreifen oder Verstehen, schlagen. Erst dann ist ein Eck im Hirn aktiviert, erst dann werden Leute politisiert, engagiert, und, noch wichtiger, für die Enigmen des Menschen interessiert. Das ist ein phantastischer Effekt. Deshalb wird jedes Buch, Lied und jeder Film “die Welt verändern”. In welche Richtung genau, kann man als Autor kaum voraussehen. Jedenfalls wird’s nicht langweilig.

Mit welchen rein situationsbedingten Gefahren waren Sie konfrontiert?

Die Risken, die ich eingehe, sind aus meiner Sicht immer einschätzbar. Es gab also nie eine Situation, auf die wir nicht wirklich vorbereitet waren oder in der wir uns in echte Gefahr begeben hätten. Es ist mein Beruf, das richtig einzuschätzen. Es stimmt, für die Filmarbeit gehe ich oft an die Grenze, aber nicht darüber. Ich finde, viele Leute riskieren viel mehr als ich: Wenn man seinen Weg nicht findet, seinem tiefen Instinkt und Gefühl nicht nachgeht, riskiert man viel mehr. Man setzt das eigene Leben aufs Spiel, wenn man es nicht voll lebt. Es wird dann voller Kompromisse und Komfort, Ruhe und falscher “Sicherheit” sein.

Im Zusammenhang mit Kolonialismus sprechen Sie immer wieder von “zivilisatorischer Pathologie”. Was meinen Sie damit?

Auch, wenn ich Filme in Afrika drehe, mache ich keine Filme über Afrika. Sondern das Land ist ein Trigger, um über den Rest der Welt zu sprechen, und hier ist dieser “Zivilisierungswille”, der hinausgetragen wird, durchaus eine Krankheit vor allem in der westlichen Welt. Die koloniale Pathologie hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg ja neu manifestiert. Denken Sie nur an die Populärkultur, an Serien wie “Star Trek” oder auch “Star Wars”, die neue Varianten des kolonialen Gedankens sind.

Lassen Sie uns noch einmal auf die Missionierungs-Tätigkeiten zu sprechen kommen: Welchen Eindruck gewannen Sie aus der Arbeit am Film über das Thema Religion?

Religionen sind für mich beängstigende Organisationen mit Methoden, Massen in den Wahnsinn und in den Tod zu treiben, Massen zu regieren. Religion ist ein Mittel zur Macht. In dem folgenschweren Satz der Bibel “Macht euch die Welt untertan und vermehret euch” steckt eigentlich das ganze Unheil, in dem der Planet sich befindet. Und im Sudan wurde mir das mehr als klar, wie banal das funktioniert: Es heißt “Us against them”, Jesus gegen Mohammed, und schon fliegen die Fetzen. Die Anführer, diese grauenhaften Kriegsherren, von denen ich etliche kennenlernen musste, waren von Kindheit an vom Koran oder von der Bibel gedrillt. Aber es ist auch klar, dass Strukturen anscheinend nötig sind, damit Millionen und Milliarden einzelne Leute zusammenleben können. Auch das liefern Religionen, und sehr bewundernswerte Menschen arbeiten innerhalb ihrer Strukturen. Wenn eine Gruppe von Leuten zusammen an dasselbe glaubt, wird viel Energie frei. Ich kann also niemanden verurteilen, der darin Lebensinhalt, und Orientierung findet. Aber ich verirre mich lieber.

 

Link to the article

< back