2014/11/21 Kleine Zeitung (German)

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Herr Sauper, warum haben Sie sich nach Tansania (“Darwin’s Nightmare”) ausgerechnet für den Südsudan als nächsten Schauplatz für einen Dokumentarfilm entschieden?

Hubert Sauper: Der Sudan hat eine besondere Stellung in der Kolonialgeschichte. Er war das erste Land überhaupt, das kolonisiert worden ist, weil der Sudan der Hinterhof Ägyptens war, das sich seinen Reichtum an Ressourcen und Manpower aus dem oberen Niltal – dem jetzigen Sudan – geholt hat. Danach sind über die Jahrtausende hinweg die Griechen eingefallen, dann die Ottomanen, die Briten, die Franzosen, auch die Nazis haben es probiert. Der Sudan hat durch diese Position eine starke antikolonialistische Geschichte. Die größte Katastrophe des heutigen Afrikas war die Zerteilung nach der Berliner Konferenz in circa 50 Nationen. An diesen künstlich gezogenen Grenzen sterben immer noch Millionen von Menschen. Dieses Verbrechen wurde 2011 mit der Abspaltung des Südsudans vor meinen Augen wiederholt. Das war wie ein Fenster in die Geschichte.

Sie inszenieren Ihre Ankunft in den Dörfern per Kleinflugzeug als Mischung aus Überrumpelung und Überraschung. Wie kam es zu diesem – auch sehr metaphorischen – Vorgehen?

Sauper: Wenn man so ein extrem großes und abstraktes Thema angeht, muss man es auf ein paar essenzielle Elemente reduzieren. Der Titel ist für mich schon an sich die Quintessenz dieser Begegnung. “Wir kommen als Freunde” – das ist die größte Lüge der Zivilisation. In dem Moment, wo es zum ersten Handschlag zwischen den sogenannten “Wilden” und den “zivilisierten Menschen” gekommen ist, ist das ganze Drama des jetzigen Afrika enthalten. Diese erste Begegnung, die von uns nun bewusst und auch notwendigerweise reproduziert wurde, findet sich ja auch in der Erzählweise von Science-Fiction-Filmen. Es ist eine Begegnung mit dem Anderen und eine Reise durch Zeit und Raum. So ist die Raumfahrt ja auch nur eine Fortführung der kolonialen Denkart. Nur fällt uns das gar nicht mehr auf, weil es Teil unserer Kultur ist. Auch wir kamen im Südsudan mit diesem “Raumschiff” aus dem Nichts.

Es fällt gleich auf, dass Sie im Film eine Piloten-Uniform tragen, wenn Sie aus ihrer selbst gebauten Flugmaschine steigen …

Sauper: Bei meinen Landungen in Nordafrika war ich jedes Mal mehr als ein Monat mehr oder weniger “verhaftet”, konnte also nicht weiterfliegen, bis geklärt wurde, was ich vorhabe. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass ich mir viele Probleme erspare, wenn ich mich in dieser militarisierten Welt selbst als Captain verkleide. Das war das Protokoll, das uns viele Türen geöffnet und uns das Leben erleichtert hat. Die Uniform war Teil des Themas, wir selbst sind dabei in Uniformierte mutiert und in jene Welt eingetaucht, die ich am meisten hasse.

Wie ging es Ihnen während dieser Zeit?

Sauper: Wenn man in ein verrücktes Umfeld eindringt, braucht man eine gewisse Gegen-Verrücktheit. Man muss sich in einen völligen Ausnahmezustand versetzen, damit man das überhaupt übersteht. Von der mentalen Verfassung her waren wir teilweise wie halb verrückte Kinder, die etwas entdecken. Das ist ein Teil der kolonialen Idee von Abenteuer, eine westliche Erfindung.

Bei Ihrer Ankunft wurden Sie stets kritisch beäugt …

Sauper: Das Interessante im Sudan war, dass uns die Leute nicht zuordnen konnten. Sie fragten: “Seid ihr Araber?” Für die Sudanesen sind Araber weiß, sie kennen sie oft gar nicht physisch. Aber sie wissen, die haben unter dem Regime in Khartoum Bomben abgeworfen, um gewisse Landstriche zu klären, damit die Chinesen kommen können, um nach Öl zu bohren. Manche haben auch gefragt, ob wir Chinesen sind. Es ist doch auch bei uns so: Ein Afrikaner für uns in Wien ist ein Afrikaner, wir wissen nicht, ob er aus Kenia oder aus Nigeria stammt.

Wie viele Jahre haben Sie an “We Come As Friends” gearbeitet?

Sauper: Das ganze Projekt hat sechs Jahre gedauert. Ich war insgesamt zwei Jahre im Sudan, am Stück jeweils rund sechs Monate.

Nach “Darwin’s Nightmare”, mit dem Sie für einen Oscar nominiert waren, waren Sie mit harscher Kritik aus Tansania konfrontiert, Sie bekamen sogar Morddrohungen. Haben Sie Sorge, dass es Ihnen mit “We Come As Friends” ähnlich ergehen könnte?

Sauper: Sollen sie nur schreien. Solang sie mich nicht physisch abknallen, ist mir das Recht. Das, glaube ich, tun sie ja hoffentlich nicht.

Damals gerieten auch Menschen in Bedrängnis, die in Ihrem Film vorgekommen sind.

Sauper: Diesmal habe ich diese Menschen nicht namentlich genannt und sie sind relativ schwer zu orten. Da muss sich die NSA schon bemühen (lacht). Aber natürlich: ganz schützen kann man sie nie. Wenn jemand vor meiner Kamera sagt, er will den Präsidenten ermorden, nehme ich das nicht in den Film hinein. Aber jeder, der hier redet, ist im Prinzip auf einer metaphorischen Ebene. Weil ohnehin immer alles allgemeingültig ist. Der sagt ja nichts Spezifisches. Der politisch explosive Stoff ist nur die Alchemie von vielen Szenen.

Wird es Vorführungen im Südsudan geben?

Sauper (lacht): Ich fahre nicht hin, das wäre gefährlich. Aber natürlich wird es sie geben. Ich habe genug Bekannte, es gibt eine kleine Fernsehstation, da habe ich meine Verbündeten.

Bringt man diese Menschen damit in Gefahr?

Sauper: Wenn die das Gefühl haben, sie wollen den Film herzeigen, sollen sie es machen. Er wird sicher auch im Internet zirkulieren. Die meisten Leute haben ja überhaupt keinen Zugang zum Kino.

Was immer wieder verwundert, ist, welch starkes politisches Bewusstsein Menschen in den abgelegensten Dörfern haben. Woher kommt das?

Sauper: Es fällt ganz stark auf, dass viele der Leute “in the middle of nowhere” gut Englisch konnten. In einem Dorf, wo es keinen Strom gibt, wo keine Straße hinführt. Die sind in Flüchtlingslagern in Uganda und Kenia groß geworden, haben die ganze Schulzeit im UNO-Camp verbracht und wurden von NGOs geschult. In der nunmehrigen sogenannten Friedensperiode sind sie zurück in die Dörfer gekommen und warten auf Entwicklung. Diese Leute können nicht mehr einer Gazelle nachrennen. Sie können nur warten, bis die westliche Kultur in ihre Dörfer kommt, damit sie das, was sie können, anwenden können.

Es kommen aber auch immer wieder sehr selbstverachtende Kommentare vor…

Sauper: Diese Psychologie wollte ich erkunden. Etwa der Typ, der die Bundeshymne nicht kennt und sagt: “Wir Sudanesen sind zu dumm.” Sie wiederholen das, was Missionare ihnen 100 Jahre lang eingeredet haben. “Wir sind das Licht, ihr seid das Dunkel.” Dabei waren das vor ein paar Generationen freie Menschen, sie haben sich selbst ernährt, es gab überhaupt keine Spur von Hungersnot, geschweige denn von AIDS oder Krebs. Das haben sie erst jetzt.

Apropos Krankheiten: Wie haben Sie die Vorgänge rund um die Ebola-Epidemie erlebt?

Sauper: Ich habe mich nicht besonders damit beschäftigt, die Medienhysterie hat mich gelangweilt. Es ist wieder so, dass ein paar Typen in Texas sagen: “Schotten wir Afrika ab.”


INTERVIEW: SONJA HARTER/APA


Filminhalt

Es ist die schamlose Fortführung des Kolonialismus, die Hubert Sauper in seinem neuen Streifen “We Come As Friends” bloßlegt, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat: Auf der einen Seite die nach Erdöl bohrenden und damit das Grundwasser verseuchenden Chinesen, auf der anderen Seite christliche Missionare aus den USA, die sich riesige Fertigteilhäuser in die abgelegensten Dörfer bauen und an die Bevölkerung solarbetriebene Audio-Bibeln und weiße Babysocken verteilen. Sie alle kommen vorgeblich als Freunde und stürzen die Bevölkerung tatsächlich ins Unheil. Unterwegs ist der Regisseur nach seinem Welterfolg mit “Darwin’s Nightmare” diesmal in einem von ihm mitkonstruierten winzigen Flugzeug.